Von echten Wurzeln und lausigen Zeiten

Immer mal wieder wird in Weinbesprechungen hervorgehoben, dass ein bestimmter Wein von wurzelechten Reben stammt. Was ist damit gemeint? Das Lexikon verzeichnet folgendes: „Eine Pflanze nennt man wurzelecht, wenn Wurzel und oberirdischer Trieb die gleiche Erbinformation (DNA) haben.“ Der eine oder andere mag sich fragen, warum dies eine spezielle Erwähnung wert ist, denn eigentlich geht man bei Pflanzen davon aus, dass das die Regel ist. Nicht so bei der Vitis Vinifera, der uns bekannten Weinrebe.


Heute ist die Mehrzahl aller Weinpflanzungen der Welt auf Unterlagsreben veredelt, die auf amerikanischen Sorten basieren. Der Grund dafür ist gelb, etwa einen Millimeter lang und der Schrecken jeden Winzers: die Reblaus, lateinisch Phylloxera. Kein anderer Schädling hat im Weinbau mehr Schaden angerichtet als dieses winzige Insekt. Es befällt die Weinrebe, setzt sich in ihrer Wurzel fest und vergiftet sie regelrecht, indem sie beim Fressen gallenbildenden Speichel in die Saftbahnen abgibt.


Eingeschleppt wurde die Reblaus höchstwahrscheinlich mit Pflanzen aus den USA. Der Reblausbefall begann in den 60-er Jahren des 19. Jahrhunderts in Frankreich und dehnte sich von dort aus über ganz Europa und in der Folge auf die ganze Welt aus. Allein in Frankreich wurden 2,5 Millionen Hektar Rebfläche vernichtet. Wissenschaftler suchten fieberhaft nach Lösungen. Doch weder chemische Experimente mit Schwefelkohlenstoff noch esoterische Varianten wie das Vergraben einer Kröte unter dem Weinstock konnten helfen.

Schließlich aber wurde entdeckt, dass manche amerikanischen Reben immun gegen die Reblaus waren. In der Folge wurden Millionen amerikanischer Veredelungsunterlagen nach Europa verschickt, wo man sie als Unterlagen für die hier üblichen Rebsorten verwendete. Auf die amerikanischen Wurzeln wurden die europäischen Reben aufgepropft und der europäische Weinbau kam ganz langsam wieder in Fahrt. Doch die Reblaus ist auch heute noch eine Bedrohung für den Weinbau und jeder Winzer beobachtet seine Pflanzungen ganz genau auf Anzeichen dieses Schädlings.


Nur wenige Weinbaugegenden der Welt blieben von der Katastrophe verschont, beispiels­weise Chile, Teile von Argentinien, Australien, Spanien und Portugal sowie einige Mittelmeerinseln wie Kreta, Zypern und Rhodos.